Ganz groß in der Nische – auch dank Industrieller Gemeinschaftsforschung: Hidden Champions in der Lebensmittelwirtschaft

Es ist nicht nur der vielzitierte „German Mittelstand“, mit dem Deutschland international punktet. Unter diesen kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) finden sich auch zahlreiche Hidden Champions – unbekannte Weltmarktführer, die mit ihren oft unauffälligen Produkten auf dem Weltmarkt eine führende Rolle spielen.
Quelle: Factbook „German Mittelstand: Motor der deutschen Wirtschaft“ (2014): www.bmwi.de/go/german-mittelstand
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Laut einer Statistik, die das Bundeswirtschaftsministerium 2014 veröffentlicht hat, gibt es in keinem anderen Land so viele Hidden Champions wie in Deutschland: Rund 1.300 mittelständische Weltmarktführer haben mit ihren Produkten erfolgreich Nischen besetzt.
Darunter sind auch zahlreiche Unternehmen aus der Lebensmittelwirtschaft und deren Umfeld – die darüber hinaus im FEI-Netzwerk überaus aktiv sind. Der FEI hat drei Thesen1 zu Hidden Champions anhand von drei ausgesuchten Unternehmen aus dem eigenen Netzwerk überprüft:

„Hidden Champions investieren überdurchschnittlich in Forschung und Entwicklung“

Ein markantes Beispiel dafür ist das Familienunternehmen Herbstreith & Fox in Neuenbürg. Dem Gründer Hermann Herbstreith gelang es vor über 80 Jahren durch eigene Forschungsarbeiten, Pektin aus Apfeltrester zu gewinnen. Dank seines Pioniergeistes wird die gelierende, verdickende und stabilisierende Kraft des Pektins heute weltweit in der Lebensmittel-, Pharma- und Kosmetikindustrie vielseitig genutzt – als ganz natürlicher Inhaltsstoff, den Herbstreith & Fox aus den Zellwänden von Äpfeln, Zitrusfrüchten und Zuckerrüben gewinnt.
Die Produktpalette wird ergänzt durch Süßungsmittel und Ballaststoffe aus Früchten. Wie schon bei der Gründung, stehen bei dem Unternehmen Forschung und Entwicklung weiterhin an vorderster Stelle: 10 % der rund 400 Mitarbeiter arbeiten in der F&E-Abteilung und suchen stetig nach optimierten Pektinen für neue Produkte und Anwendungen, nach Rohstoffen mit besonderen Eigenschaften und nach verbesserten Produktionsverfahren.
Wie das gelingt? Unter anderem durch die Beteiligung an Projekten der Industriellen Gemeinschaftsforschung (IGF): Seit 2000 hat sich der F&E-Leiter Prof. Dr. Hans-Ulrich Endreß in knapp 20 Ausschüssen zur Begleitung von IGF-Projekten des FEI engagiert. Darüber hinaus ist er ein gefragter Gutachter und im Wissenschaftlichen Beirat sowie im Vorstand des FEI aktiv. Auch dieses Engagement garantiert dem Unternehmen, immer an der Spitze neuer Erkenntnisse und neuen Fachwissens zu sein. Mit einer Nennleistung von 7.000 Tonnen Apfel- und Citruspektin rangiert das Unternehmen heute an führender Position im Weltmarkt. Die Basis dafür war und ist ein überdurchschnittliches Engagement in Forschung und Entwicklung.

„Die Chefs der Hidden Champions zeichnen sich durch eine hohe Identität von Person und Mission aus und kommen in jungen Jahren an die Spitze“

Oder gründen gleich das Unternehmen, an dessen Spitze sie stehen. So wie Dr. Michael Raß, dessen Gründung der Teutoburger Ölmühle auf einem Forschungsprojekt beruht – und dem Umstand, dass ein großer Lebensmittelkonzern die patentierte Erfindung damals als „großtechnisch nicht umsetzbar“ ablehnte. Zusammen mit seinem Gründungspartner entwickelte Raß im Rahmen seiner Promotion an der Universität Essen ein Verfahren zur Herstellung kaltgepresster Rapsöle aus geschälter Saat.
Dieser einzigartige Prozess ist die Grundlage für den schnellen Siegeszug der im Jahr 2000 in Ibbenbüren gegründeten Ölmühle, die mit ihren hochwertigen Produkten schon längst Marktführer ist. Mittlerweile umfasst das Produktsortiment neben verschiedenen Raps-Kernölen auch Sonnenblumen-Kernöle, verschiedene Leinöle, Omega-Salatöl sowie einige Gewürzöle. Das Unternehmen wächst kräftig weiter: Während 2001 vier Mitarbeiter täglich 10 Tonnen Saat verarbeiteten, sind es heute 150 Mitarbeiter, die täglich mehr als 350 Tonnen Saat aus Vertragsanbau zu Ölen verarbeiten. Seine Mission und sein Forschergeist treiben Raß weiter an: So engagiert er sich aktuell in zwei Projektbegleitenden Ausschüssen von FEI-Projekten; bei sieben weiteren FEI-Projekten hat er zu einem erfolgreichen Abschluss beigetragen – und für die weitere Entwicklung seines Unternehmens wichtiges Knowhow mitgenommen.

„Marktführerschaft heißt für Hidden Champions mehr als nur größter Marktanteil. Sie beanspruchen, Kunden, Wettbewerber und ihre Märkte durch das Setzen von Standards zu führen.“

„Ihr Sauerteig-Spezialist“ – das ist der Slogan des Unternehmens Ernst BÖCKER in Minden. Das Haus BÖCKER blickt auf eine lange Geschichte in der Sauerteigentwicklung zurück. Die ab 1910 vom Firmengründer Ernst Böcker in Pionierarbeit entwickelten Verfahrensweisen waren damals eine Innovation – und zählen heute weltweit zum Standard. Mit den natürlichen Sauerteigen in pulverförmiger, flüssiger oder pastöser Form sowie Starterkulturen für die betriebseigene Sauerteigführung hält das Unternehmen nicht nur den größten Marktanteil in Deutschland und Frankreich, sondernführt auch den Markt durch hohe Qualitätsstandards.
Der Anspruch, Standards zu setzen, gilt auch für einen neuen Markt, den sich das Familienunternehmen mit 120 Mitarbeitern in den letzten Jahren erschlossen hat: den Markt der glutenfreien Produkte. Mit der Entwicklung und Produktion von glutenfreien Sauerteigen, Gebäcken und Backmischungen hat BÖCKER echte Innovationen geschaffen – und Standards für den Markt gesetzt. Das passiert nicht von ungefähr, denn Forschung und Entwicklung nehmen seit jeher einen hohen Stellenwert in dem Unternehmen ein: So ist Dr. Georg Böcker, der mit seinen beiden Geschwistern in vierter Generation die Geschäfte führt, bei der AiF und beim FEI nicht nur als Gutachter gefragt, sondern auch im Wissenschaftlichen Beirat des FEI tätig. Von dem dort geballten Sachverstand sowie vom Mitwirken in fast 40 Projektbegleitenden Ausschüssen von FEI-Projekten seit 1998 profitiert der Familienunternehmer auch für sein Unternehmen – um weiterhin Innovationen voranzutreiben und Standards für den Markt zu setzen.


Diese drei Hidden Champions zeigen pars pro toto, wie sie sich durch Spitzenleistungen – und durch ihre kontinuierliche Beteiligung an IGF-Projekten sowie ihr Mitwirken im FEI-Netzwerk – ihre herausragende Marktposition erarbeitet und ausgeweitet haben. Sie tragen damit zu der hervorragenden Versorgung von sicheren und gesunden Lebensmitteln bei und sorgen für eine wachsende Zahl von sicheren Arbeitsplätzen.

Das Programm zur Förderung der Industriellen Gemeinschaftsforschung leistet dafür einen essentiellen Beitrag.




1 Simon, Hermann: Hidden Champions - Aufbruch nach Globalia, Campus Verlag, Frankfurt/Main (2012)